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Tierartspezifisches

Anatomische und physiologische Besonderheiten von Neuweltkameliden

© Klein (3)


Bewegungsapparat

Das Skelett der Neuweltkameliden unterscheidet sich kaum von dem der anderen Säugetiere. Kennzeichnend ist jedoch ein relativ langer und sehr beweglicher Hals.

 

Die große Besonderheit an den Extremitäten der Neuweltkameliden stellt das Fußen dar. Phalanx distalis und medialis liegen horizontal (parallel zum Boden), Phalanx proximalis weist einen Winkel von 45° zum Boden auf. Zwischen den Knochen und der Sohle befindet sich das Sohlenkissen. Dieses besteht aus kollagenen und elastischen Fasern, Fett und gelegentlich knorpeligem Gewebe.

 

Haut und Hautanhangsgebilde


Metatarsaldrüsen

Bei den Metartarsaldrüsen handelt es sich um haarlose Stellen an den medialen und lateralen Flächen des Metatarsus, deren Funktion bislang noch nicht geklärt ist.

 

Euter

Das Euter der Neuweltkameliden besitzt vier Zitzen, wobei jede Zitze zwei Strichkanäle aufweist, die in jeweils eine separate Zitzen- und Drüsenzisterne münden. Der Strichkanal ist kurz (2 mm) und sehr eng. Entweder finden sich zwei Strichkanalmündungen oder die beiden Strichkanäle einer Zitze vereinigen sich vor dem Ausgang zu einem gemeinsamen Sinus.

 

Verdauungsapparat


Schädel und Zähne

Kopf und Zähne gleichen weitgehend denen anderer Wiederkäuer. Lama und Alpaka besitzen im Unterkiefer drei Paare Incisivi, wobei zum Zeitpunkt der Geburt die zwei zentralen Schneidezahnpaare als Zeichen der Reife bereits durchgebrochen sein sollten. Das physiologische Milchgebiss umfasst 18 bis 24 und das Kiefer der ausgewachsenen Tiere 28 bis 32 Zähne. Der Zahnwechsel beginnt mit 2 bis 2,5 Jahren und sollte mit 4 bis 6 Jahren abgeschlossen sein.

Mit etwa drei Jahren stoßen die sogenannten „Kampfzähne“ durch das Zahnfleisch. Dabei handelt es sich um die Incisivi 3 des Oberkiefers und die Canini von Ober- und Unterkiefer. Die Kampfzähne wachsennach hinten, sind sehr spitz und können zu schweren Verletzungen führen.

 

Magen

Obwohl Neuweltkameliden taxonomisch nicht zu den Wiederkäuern gehören sind sie funktionell Wiederkäuer. Der Magen der Neuweltkameliden unterscheidet sich teilweise stark von dem der anderen Hauswiederkäuer.

Der Vormagen unterteilt sich in drei Kompartimente (C1, C2, C3), wobei C1 das grösste ist und etwa 83 % des Mageninhalts fasst. Transversal verlaufende Muskelpfeiler unterteilen diesen Teil in einen cranialen und einen caudalen Sack. Eine Besonderheit sind die über die Bodenfläche von C1 und die Wand von C2 laufenden glandulären Sacculi. Diese sind rund 1x1x1,5 cm groß und von rötlichem glandulären Epithel ausgekleidet. Sie stellen eine zusätzliche Quelle von Sekreten dar. Im Bereich der Sacculi kommt es auch zur Ausscheidung von größeren Mengen an Bikarbonat.

C2 ist nur unvollständig vom ersten Kompartiment getrennt, fasst 6 % des Mageninhalts und geht in einem etwa fingerstarken Durchgang in C3 über. Der dritte Abschnitt ist in den ersten 4/5 von glandulärem, sekretorischem Epithel ausgekleidet. Der caudale Teil ist besitzt ein Epithel das Säure und Verdauungsenzyme sezerniert und dem Abomasus unserer Hauswiederkäuer entspricht.

Die Kontraktionszyklen der Kompartimente gehen von C2 aus und dauern etwa zwei Minuten. Ein Zyklus läuft in zwei Phasen ab, wobei sich die Kontraktionen von caudal nach cranial fortsetzen. Jedem Zyklus folgt eine bis zu 20 Minuten lange Pause. Kontraktionswellen im C3 befördern den Futterbrei kontinuierlich in den „eigentlichen Magen“ (letztes 1/5 von C3) und von dort in den Darm.


Leber

Die Leber der Neuweltkameliden ist relativ dünn, weist ausgefranste Ränder auf. Die venösen Blutgefäße (V. hepatica und V. portae) liegen oberflächlich.

Eine weitere Besonderheit der Kameliden ist das Fehlen der Gallenblase.

 

Kreislaufsystem


Blut

Eines der beeindruckendsten Merkmale des Kreislaufsystems der Kameliden sind die Erythrozyten, die elliptisch und relativ klein sind. Weiters ist die hohe Sauerstoffbindungskapazität des Hämoglobins von Bedeutung. Während die meisten Säugetiere eine 50 % ige Sättigung des Blutes bei einem Sauerstoffpartialdruck von 27 – 42 mmHg erreichen, gelingt dies den Neuweltkameliden bereits bei einem Druck von 20 – 22 mmHg. Diese Tatsache stellt einen entscheidenden Mechanismus zur Anpassung an das Klima der Anden dar.

 

Gefäße

Im Gegensatz zu den meisten Haustieren verlaufen die Vena jugularis und die Arteria carotis bei den Neuweltkameliden über den längsten Teil des Halses gemeinsam und sind erst drei bis vier Zentimeter vor dem Angulus mandibularis durch den Musculus omohyoideus getrennt. Dies ist vor allem für die venöse Blutentnahme beziehungsweise intravenöse Applikation von Medikamenten von Bedeutung.

 

Harn- und Geschlechtsapparat

Harnapparat

Die Nieren der Neuweltkameliden sind glatt und entsprechen in ihrem weiteren Aufbau den Nieren von Schafen. Auch die Uretern und die Harnblase unterscheiden sich nicht von denen der kleinen Wiederkäuer. Eine Besonderheit weist die Urethra männlicher Tiere auf. Diese besitzt einen dorsalen urethralen Recessus auf Höhe des Os ischiadicum, wodurch eine Katheterisierung der Blase beim Hengst unmöglich ist.

 

Geschlechtsapparat

Die Hoden männlicher Neuweltkameliden liegen im perinealen Bereich und sind nicht pendelnd. Eine Samenblasendrüse fehlt und die Samenleiterampulle ist nicht so deutlich erkennbar wie bei anderen Spezies. Der Penis ist vom fibroelastischen Typ und besitzt eine präskrotal gelegenen sigmoidale Flexur im Becken, die im erregierten Zustand verstreicht. Im relaxierten Zustand ist die Präputialöffnung nach caudal gerichtet, womit auch der Harnabsatz nach hinten erfolgt. An der Penisspitze befindet sich ein Processus urethralis.

Junghengste weisen eine präputiale Adhäsion auf, die ein vollständiges Ausschachten des Penis verhindert. Erst nach mehrmaliger sexueller Stimulation in der Geschlechtsreife löst sich diese Verwachsung.

 

Die Größe der Ovarien ist stark von den Follikelreifungsprozessen abhängig. Stuten weisen eine induzierte Ovulation auf. Bei Abwesenheit eines Hengstes kommt es zu ständigen Follikelan- und Follikelrückbildungsprozessen. Die Ovulation wird erst durch das zervikale Einführen des Gliedes induziert und findet etwa 24 bis 42 Stunden später statt.

 

Der Deckakt erfolgt im Liegen, wobei der Hengst die Stute durch den Aufsprung in die Brustlage zwingt. Die Paarung kann zwischen fünf und sechzig Minuten dauern. Ein Teil des Ejakulates wird in der Vagina, der größere Anteil im Uterus deponiert. 95 % der Trächtigkeiten werden bei Neuweltkameliden im linken Uterushorn ausgetragen. Die Plazenta ist vom diffusen und epitheliochorialen Typ.

Die Trächtigkeitsdauer liegt bei durchschnittlich 342 bis 350 Tage. 

 

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